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12 · Heute Wissenschaft und Technik

DNA als Doppelhelix

1953 Cambridge und London, England

Kurz gesagt

Die DNA ist das Molekül, das die Anleitung zum Bauen und Funktionieren jedes Lebewesens enthält. 1953 begriffen James Watson und Francis Crick in Cambridge in England, dass sie die Form einer Wendeltreppe hat, die Doppelhelix. Entscheidend dafür war eine Röntgenaufnahme, die in London im Labor von Rosalind Franklin entstanden war und deren Beitrag erst viel später voll anerkannt wurde. Die beiden Stränge lassen sich trennen und kopieren: So werden die Informationen von einer Zelle zur anderen weitergegeben.

Warum das wichtig ist Das Verstehen der DNA öffnete den Weg zur modernen Genetik, zu medizinischen Tests und zu neuen Behandlungen.

Quelle: Encyclopaedia Britannica, „DNA“

Bild: DNA als Doppelhelix (Cambridge und London, England)
Bild, mit KI für Storiascopio erstellt
DNA als Doppelhelix: Cambridge und London, England
Wo: Cambridge und London, England

Lernblatt etwa 5 Minuten Lesezeit

Die Geschichte

Das Anleitungsbuch des Lebens

Jedes Lebewesen, vom Bakterium bis zum Wal, entsteht aus einem kleinen Anleitungsbuch, das in seinen Zellen geschrieben steht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wussten die Wissenschaftler, dass dieses Buch existierte: Sie nannten es „Vererbung“, weil es erklärte, warum Kinder ihren Eltern ähneln. Sie wussten aber nicht, woraus es bestand, noch wie es sich von Generation zu Generation kopieren konnte.

Ein wichtiger Hinweis kam 1944, als eine Gruppe von Forschern aus New York unter Oswald Avery zeigte, dass es ein Molekül namens DNA, Desoxyribonukleinsäure, war, das die Eigenschaften weitergab. Der Stoff war schon seit 1869 bekannt, als ein Schweizer Arzt, Friedrich Miescher, ihn im Eiter von Verbänden gefunden hatte, die im Krankenhaus benutzt worden waren. Viele Wissenschaftler glaubten aber nicht daran: Ein so einfaches Molekül mit nur vier Arten von Bausteinen schien zu arm, um alle Anweisungen des Lebens zu enthalten. Im Jahr 1950 bemerkte der Chemiker Erwin Chargaff eine kuriose Regel: In jeder DNA war die Menge des Bausteins A immer gleich der von T und die Menge von G gleich der von C.

Ein Wettlauf in London und Cambridge

In den frühen Fünfzigerjahren war es zu einem richtigen Wettlauf geworden, die Form der DNA zu finden. In London, am King's College, arbeiteten Maurice Wilkins und die Chemikerin Rosalind Franklin, eine Kristallexpertin. Sie benutzten Röntgenstrahlen: Man schickt einen Strahlenbündel durch eine DNA-Faser, und aus dem Muster von Punkten auf einer fotografischen Platte kann man erkennen, wie die Atome angeordnet sind. Im Mai 1952 erhielten Franklin und ihr Student Raymond Gosling ein sehr scharfes Bild, bekannt als „Fotografie 51“. Es zeigte ein großes „X“ aus Punkten: das typische Zeichen einer Spirale.

In Cambridge, im Cavendish-Labor, jagten zwei andere Forscher mit einer anderen Methode derselben Antwort nach: dem Bau von Modellen. Es waren der Amerikaner James Watson, der gerade 25 Jahre alt war, und der Brite Francis Crick, 36 Jahre alt, noch ohne Doktortitel. Sie machten keine Röntgenversuche: Sie versuchten, die Daten anderer mit Metallstücken und ausgeschnittener Pappe zusammenzusetzen, bis alles stimmte. Ein erstes Modell von ihnen 1951 war falsch und ließ Franklin lächeln. Auch der berühmte amerikanische Chemiker Linus Pauling, der später einen Nobelpreis gewinnen sollte (1954), schlug eine Struktur mit drei Strängen vor: Auch die war falsch.

Anfang 1953 konnten Watson und Crick die Ergebnisse Franklins sehen: Die Fotografie 51 wurde ihnen von Wilkins gezeigt, und ein Bericht des Medical Research Council gelangte über einen Kollegen zu ihnen. Franklin wusste es nicht, und erst viele Jahre später erkannte man, wie entscheidend diese Daten gewesen waren. Mit diesen Informationen und mit der Regel von Chargaff bauten die beiden das richtige Modell.

Die Wendeltreppe

Die DNA besteht aus zwei sehr langen Strängen, die umeinander gewunden sind, wie eine Wendeltreppe. Die Seiten der Treppe sind Ketten aus Zucker und Phosphat; die Stufen sind Paare von Bausteinen, die wir heute Basen nennen: A (Adenin) verbindet sich immer mit T (Thymin) und G (Guanin) immer mit C (Cytosin). Deshalb sind die Mengen von A und T gleich, wie Chargaff gesehen hatte. Vor allem aber erklärte diese Form, wie sich das Buch kopiert: Man muss die Treppe nur in der Mitte öffnen, wie einen Reißverschluss, und jede der beiden Hälften wird zur Form, um die andere wieder aufzubauen. Zwei identische Kopien aus einer einzigen.

Am 25. April 1953 veröffentlichte die Zeitschrift Nature den Aufsatz von Watson und Crick, etwas länger als eine Seite. In derselben Ausgabe erschienen auch die Arbeiten von Wilkins und die von Franklin mit Gosling, die die Struktur bestätigten. Im Jahr 1958 zeigten zwei amerikanische Forscher, Matthew Meselson und Franklin Stahl, mit einem Versuch, dass sich die DNA genau auf diese Weise kopiert.

Die Nobelpreise und ein vergessener Name

Im Jahr 1962 ging der Nobelpreis für Medizin an Watson, Crick und Wilkins. Rosalind Franklin war 1958 mit nur 37 Jahren an einem Tumor gestorben: Nobelpreise werden nicht an Verstorbene vergeben. Viele Jahre lang blieb ihr Beitrag wenig bekannt; heute wird sie als für diese Entdeckung grundlegende Wissenschaftlerin erinnert, auch wenn die Historiker noch darüber streiten, wie angemessen die Art war, wie ihre Daten benutzt wurden.

Warum es geschah

Die DNA wurde lange vor 1953 entdeckt, aber niemand wusste, wie sie aufgebaut war. Die Lösung ermöglichten drei Dinge: die Versuche von 1944, die die DNA als Molekül der Vererbung auswiesen, die Röntgentechnik, auf Kristalle angewandt und schon zur Untersuchung von Molekülen wie dem Insulin benutzt, und die Regel von Chargaff über die Mengen der Basen.

Viel zählte auch das Klima der Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Biologie Physiker und Chemiker an, die neue Ideen mitbrachten: Crick selbst war ein Physiker, der zur Biologie gewechselt war. Außerdem arbeiteten mehrere Gruppen in England und den Vereinigten Staaten am selben Problem, und der Wettbewerb machte alle schneller.

Was sich veränderte

Die Doppelhelix-Struktur öffnete den Weg zur Molekularbiologie. In den Sechzigerjahren entschlüsselten die Wissenschaftler den genetischen Code: Drei aufeinanderfolgende Basen, wie drei Buchstaben, geben an, welcher Baustein in die Proteine eingebaut wird, die Moleküle, die den Körper funktionieren lassen. So verstand man, wie das Anleitungsbuch gelesen und in einen Organismus übersetzt wird.

Von 1990 bis 2003 las ein großes internationales Projekt, das Humangenomprojekt, alle etwa 3 Milliarden Basenpaare der menschlichen DNA. Heute kann man die DNA von Menschen, Tieren und Pflanzen vergleichen, Erbkrankheiten entdecken, einen Täter anhand einer kleinen Blutspur erkennen oder die Verwandtschaft zwischen Arten rekonstruieren.

In den letzten Jahren erlauben neue Techniken wie CRISPR sogar, die DNA im Labor zu „korrigieren“: Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna erhielten dafür 2020 den Nobelpreis für Chemie. Das sind außergewöhnliche Möglichkeiten, die auch auf der ethischen Ebene diskutiert werden: Wie weit ist es richtig, in das Buch des Lebens einzugreifen? Das ist eine Frage, die heute nicht nur die Wissenschaftler, sondern alle Bürger beantworten müssen.

Wichtige Menschen und Orte

Menschen

James Watson
Amerikanischer Biologe (geboren 1928): Er war 25 Jahre alt, als er mit Crick das Modell der DNA baute; Nobelpreis 1962.
Francis Crick
Britischer Physiker und Biologe (1916-2004): Zusammen mit Watson schlug er die Doppelhelix-Struktur vor; Nobelpreis 1962.
Rosalind Franklin
Englische Chemikerin (1920-1958): Ihre „Fotografie 51“ der DNA war ein entscheidendes Datum für das Modell.
Maurice Wilkins
In Neuseeland geborener Physiker und Biologe (1916-2004): Er untersuchte die DNA am King's College London mit Röntgenstrahlen; Nobelpreis 1962.
Erwin Chargaff
Österreichischer Biochemiker (1905-2002): Er entdeckte, dass in der DNA A und T, G und C in gleichen Mengen vorkommen.

Orte

Cavendish-Labor, Cambridge
Das Physiklabor der Universität Cambridge, in dem Watson und Crick das Modell bauten.
King's College, London
Hier untersuchten Franklin und Wilkins die DNA mit Röntgenstrahlen und wurde die Fotografie 51 aufgenommen.

Gut zu wissen

  • Der berühmte Aufsatz von Watson und Crick über die DNA war etwas länger als eine Seite und erschien 1953 in der Zeitschrift Nature.
  • Das erste Modell von Watson und Crick war falsch; als sie es Rosalind Franklin zeigten, fand sie sofort die Fehler.
  • Wenn man die gesamte DNA einer einzigen menschlichen Zelle abwickelte, wäre sie etwa zwei Meter lang.
  • Ein Mensch hat fast dieselbe DNA wie ein anderer: Der Unterschied zwischen zwei Menschen beträgt etwa einen Buchstaben auf tausend.
  • Die DNA wurde schon 1869 von Friedrich Miescher entdeckt, der sie in Eiterzellen fand.

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Ciro Simone Irmici

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